Gockels radikale Wallenstein-Neuinterpretation verbindet Schiller mit der Wagner-Gruppe
Hans-Helmut RuppersbergerGockels radikale Wallenstein-Neuinterpretation verbindet Schiller mit der Wagner-Gruppe
Jan-Christoph Gockel inszeniert eine kühne Neuinterpretation von Schillers Wallenstein
Die Produktion verbindet Krieg, Verrat und aktuelle Parallelen zur russischen Wagner-Gruppe. Den Auftakt bildete eine Vortragsperformance, bevor sich das Stück zu einem sechsstündigen Epos entfaltete.
Der Abend begann mit einem Vortrag von Sergei Okunev über Jewgeni Prigoschin, den verstorbenen Anführer der Wagner-Gruppe. Seine Recherchen prägten den Fokus der Inszenierung und verbanden historische mit zeitgenössischen Themen. Im Anschluss präsentierte das Ensemble Das Schlachtmahl in sieben Gängen, in dem Wallensteins Schicksal mit Prigoschins Aufstieg und Fall kollidierte.
Gockel und sein Team kürzten Schillers Originaltext radikal, fügten jedoch Prologe, Epiloge und neues Material hinzu – darunter Szenen, in denen Schauspieler an einer langen Küchenzeile kochten. Dies schuf einen beeindruckenden, immersiven Moment, der sich deutlich von klassischen Bühnenfassungen abhob.
Die Inszenierung oszillierte zwischen schonungslosem Realismus und düsterer Sinnlichkeit. Das Motto der Wagner-Söldner – "Unser Geschäft ist der Tod, und das Geschäft floriert" – lastete bedrückend über dem Geschehen. Doch am Ende klang ein zerbrechlicher Funke Hoffnung an.
Nach fast sechs Stunden erschien für einen kurzen Moment eine Vorrichtung auf der Bühne. Sie bewegte Samuel Kochs gelähmten Körper wie eine Marionette und ermöglichte ihm einige Armbewegungen und Worte. Dieser Augenblick wirkte zugleich gespenstisch und präzise.
Die Produktion verschmolz Schillers Drama des 17. Jahrhunderts mit der Kriegsführung des 21. Jahrhunderts. Indem sie Wallensteins Schicksal mit Prigoschins verknüpfte, zwang sie das Publikum, sich mit den wiederkehrenden Kreisläufen von Macht und Gewalt auseinanderzusetzen. Das finale Bild – eine Maschine, die Kochs Körper animiert – hinterließ einen bleibenden Eindruck von Kontrolle und Verletzlichkeit.