Kühne Neuinszenierung von Das Paradies und die Peri polarisiert an der Hamburger Staatsoper
Laurenz MühleKühne Neuinszenierung von Das Paradies und die Peri polarisiert an der Hamburger Staatsoper
Die Hamburger Staatsoper präsentiert eine mutige Neuinszenierung von Das Paradies und die Peri
Die Hamburger Staatsoper hat mit einer kühnen Neuinterpretation von Robert Schumanns Oratorium Das Paradies und die Peri für Furore gesorgt – einer Vertonung einer orientalischen Erzählung aus Thomas Moores Lalla Rookh. Unter der Regie von Tobias Kratzer sprengt die Produktion traditionelle Grenzen, indem sie zeitgenössische Themen wie Krieg, Klimakrise und systemische Unterdrückung in den Rahmen des 19. Jahrhunderts einwebt. Die Premiere löste sowohl begeisterten Applaus als auch vereinzelte Buhrufe aus, endete jedoch in einem jubelnden Schlussapplaus.
Kratzers visionäre Inszenierung verwandelt Schumanns Geschichte der Peri – eines engelhaften Wesens auf der Suche nach einem Geschenk, das ihr den Eintritt ins Paradies ermöglicht – in eine schonungslose Abrechnung mit modernen Konflikten. Die Aufführung beginnt mit Vera-Lotte Boecker in der Rolle der Peri, die über die Zuschauerreihen klettert, um sich neben einen weinenden Mann zu setzen – eine symbolische Geste des Grenzüberschreitens und des "Öffnens der Tore". Die Handlung entfaltet sich sodann in kriegszerrissenen Landschaften, von Seuchen heimgesuchten Epochen und Momenten generationenübergreifender Abrechnung.
Die Inszenierung bricht bewusst die vierte Wand: Kameras schwenken über das Publikum, Schauspieler treten in direkten Dialog mit den Zuschauern und überlagern die Vorstellung mit Echtzeit-Sozialkritik. Ein zentraler Moment zeigt die Ermordung eines schwarzen Jugendlichen – einer trotzig aufbegehrenden Figur, die eine weiße Führungsperson herausfordert –, die in einem kollektiven Gewaltakt gipfelt, bei dem Blut über die Peri gegossen wird. Der dritte Akt lenkt den Fokus auf die Klimakrise, in der Kinder unter einem qualmenden Industrieschlot spielen.
Omer Meir Wellber dirigierte das Orchester mit kraftvoller Energie, wobei dessen Wucht die Solisten mitunter zu übertönen drohte. Dennoch blieb die musikalische Darstellung durchweg packend. Die Produktion ist Teil einer Reihe innovativer Musiktheater an der Oper, zu der im Februar auch Monster's Paradise von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek zählt.
Kratzer, kürzlich von der Opernwelt zum "Regisseur des Jahres" gekürt, hat angekündigt, die Hamburger Staatsoper für die vielfältige Stadtgesellschaft zugänglicher zu gestalten. Seine kollaborative Premiere – mit Wellbers Dirigat und einem neu gegründeten Chor – markiert einen bewussten Schritt in diese Richtung.
Die Uraufführung von Das Paradies und die Peri verbindet Schumanns Romantik mit drängenden modernen Themen – von rassistischer Ungerechtigkeit bis zum ökologischen Kollaps. Zwar reagierten einige Zuschauer zunächst mit Ablehnung, doch der mutige Ansatz der Inszenierung erntete letztlich breite Anerkennung. Das Opernhaus blickt nun auf weitere grenzüberschreitende Werke in der Spielzeit voraus und festigt so seinen Ruf als Plattform für künstlerische Experimentierfreude.






