Theaterabend zwischen Faszination und ungewollter Grenzüberschreitung
Franz Josef SchlosserTheaterabend zwischen Faszination und ungewollter Grenzüberschreitung
Ein kürzlicher Theaterbesuch hat mich gleichermaßen fasziniert und verunsichert zurückgelassen. Das Stück, eine beeindruckende Auseinandersetzung mit Apokalypse, Durchhaltevermögen und menschlicher Verbundenheit, begeisterte visuell, überschritt aber auch auf unerwartete Weise Grenzen. Am Ende des Abends fragte ich mich, ob ich mich noch einmal einer so gewagten Aufführung aussetzen könnte – besonders einer mit einem berüchtigt bekleidungsfreudigen Schauspieler.
Der Abend begann mit einer mitreißenden Produktion, die nichts mit René Pollesch zu tun hatte. Stattdessen tauchte das Publikum ein in Themen wie Überleben und Zusammenhalt, inszeniert auf einer atemberaubenden Bühne. Die Zuschauer belohnten die Darstellung mit tosendem Applaus, doch ein einzelner Gast in meiner Nähe stieß mitten in der Vorstellung ein scharfes, missbilligendes „Buh“ aus.
Der Hauptdarsteller, bekannt dafür, die vierte Wand zu durchbrechen, zog das Publikum immer wieder in das Geschehen hinein. Sein unberechenbarer Stil verlieh der Aufführung Lebendigkeit, ließ mich aber auch unbehaglich zurück. Nach der Vorstellung scherzte eine Freundin, ich bräuchte vielleicht eine Desensibilisierungstherapie, um solche intensiven Darbietungen zu verkraften.
Später versuchten wir, die Stimmung mit „Frühling für Hitler“ aufzulockern. Die Absurdität des Ganzen brachte uns so sehr zum Lachen, dass es eine willkommene Abwechslung zur früheren Anspannung des Abends war.
Doch ganz beruhigt war ich noch nicht. Jemand hatte eine Liste mit extremen Theater-Challenges zusammengestellt – angefangen bei „Besuche jede Aufführung des nackten Schauspielers“ bis hin zu „Mache eine Kreuzfahrt mit Pflichtbesuch der Abendshow Heino trifft Rammstein“. Als ich den letzten Punkt las, drehte sich mir der Magen um. Der Gedanke an eine weitere grenzüberschreitende Vorstellung – erst recht mit einem Hauptdarsteller ohne Kleidung – jagt mir mittlerweile echte Schauer über den Rücken.
Die Nacht bewies, dass Theater sowohl mitreißend als auch überwältigend sein kann. Zwar erntete das Stück zu Recht Bewunderung, doch die Erfahrung zeigte mir auch meine Grenzen auf. Vorerst werde ich mich von Produktionen fernhalten, bei denen die Bekleidungsfreiheit des Hauptdarstellers zum Konzept gehört.






