Warum junge Männer heute anders wählen als Frauen – und was das über Männlichkeit verrät
Franz Josef SchlosserWarum junge Männer heute anders wählen als Frauen – und was das über Männlichkeit verrät
Die wachsende Kluft in den politischen Präferenzen junger Wähler rückt die Einstellungen von Männern zu Geschlechterrollen in den Fokus. Bei der letzten Bundestagswahl stimmten Männer unter 24 Jahren mehrheitlich für die rechtspopulistische AfD, während Frauen desselben Alters eher linksliberale Parteien bevorzugten. Dieser Trend hat die Debatten über Männlichkeit, Politik und Feminismus neu entfacht – Diskussionen, die sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten innerhalb der deutschen Grünen entwickelt haben.
Vor zwanzig Jahren war es noch weniger umstritten, wenn Männer traditionelle Männlichkeitsbilder offen infrage stellten. Der Fußballtorwart Tim Wiese trug etwa pinkfarbene Kleidung auf dem Platz, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Bis 2010 gingen 21 grüne Politiker noch einen Schritt weiter und veröffentlichten ein Manifest mit dem Titel „Männer, gebt Macht ab! Es lohnt sich“. Darin forderten sie Männer auf, ihre Privilegien zu hinterfragen und sich für Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen.
Felix Banaszak, heute Co-Vorsitzender der Grünen, setzt sich seit Langem dafür ein, feministische Ideen auch für Männer anschlussfähig zu machen. Sein erster großer Versuch, junge männliche Zielgruppen zu erreichen, war ein Interview mit dem Playboy. Sein in Pink gestrichenes Büro unterstreicht seine Ablehnung starrer Geschlechterklischees. Doch seine Herangehensweise hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Nach Vorwürfen der Schauspielerin Collien Fernandes wegen Übergriffen räumte Banaszak ein, seine Strategie sei konfrontativer geworden.
Kürzlich besuchte er Vaterwelten in Krefeld, eine Organisation, die Geburtsvorbereitungskurse für werdende Väter anbietet. Mittlerweile setzt er sich für eine bessere Förderung solcher Initiativen ein und argumentiert, dass Geschlechterrollen nicht nur Frauen, sondern auch Männer einschränken. Innerhalb seiner Partei wirbt er zudem für Räume, in denen Männer offen über Geschlechterfragen sprechen können. Sven Lehmann, ein weiterer Mitinitiator des Manifests von 2010, stimmt zu, dass zwar das Bewusstsein gewachsen sei, einige junge Männer aber weiterhin an traditionellen Rollenbildern festhielten – und daduch anfällig für die Kulturkämpfe der rechten Szene seien.
Die politische Spaltung zwischen jungen Männern und Frauen bleibt eklatant. Die Bemühungen, Männer in feministische Diskurse einzubinden, reichen von Parteiprogrammen bis zu Basisprojekten. Ob diese Ansätze Haltungen – und damit auch Wahlverhalten – verändern können, hängt davon ab, wie überzeugend sie die Ängste und Vorbehalte derer adressieren, die sich gegen Wandel sträuben.






