Holzingers Sancta polarisiert zwischen Kunstskandal und feministischem Meilenstein
Laurenz MühleHolzingers Sancta polarisiert zwischen Kunstskandal und feministischem Meilenstein
Florentina Holzingers Sancta kehrt an die Staatsoper Stuttgart zurück – zwischen Begeisterung und Eklat
Die avantgardistische Neudeutung von Paul Hindemiths skandalumwitterter Oper Sancta Susanna (1922) durch Florentina Holzinger hat bei ihrer Premiere für Furore gesorgt – inklusive 18 medizinischer Zwischenfälle trotz vorheriger Triggerwarnung.
Sancta greift Hindemiths einst verbotenes Werk von 1921 auf, das die sexuelle Erweckung einer Nonne während des Gebets thematisiert, und interpretiert es aus queerer feministischen Perspektive neu. Holzingers Inszenierung rückt den weiblichen Körper, die kirchliche Kontrolle über weibliche Begierde und liturgische Elemente in den Fokus, um Machtstrukturen über den Körper herauszufordern. Die Reaktionen fallen extrem aus: Neben Theaterverlassern, Hassnachrichten und medizinischen Notfällen bei der Premiere erntet das Stück auch Lob von Kritikern und Teilen des christlichen Publikums.
Dirigentin Marit Strindlund, die bereits Ophelias Got Talent leitete, nennt Holzingers Ansatz "elektrisierend, aber anspruchsvoll". Sie habe sich auf ungewöhnliche Bilder und Arbeitsweisen einlassen müssen, findet die Kunst jedoch bereichernd, weil sie aufklärt, kritisiert und Debatten anstoße. Zudem thematisiere das Werk, was Strindlund als "gesellschaftliche Wunde" bezeichnet: die Ungleichbehandlung von Frauen in Kirche und Geschichte.
Für die Oktober-Vorstellungen am 3., 4. und 5. sind noch Karten erhältlich, während die Termine am 1. und 2. November bereits ausverkauft sind. Die Rückkehr der Oper unterstreicht ihre polarisierende Kraft – zwischen Provokation und künstlerischem Anspruch. Angesichts der begrenzten Plätze im Oktober wird sich zeigen, ob Sancta als Zündstoff oder als Meilenstein für die Neuerzählung heiliger und feministischen Erzählungen auf der Bühne bestehen bleibt.






